„Aloha Heja He“

Plötzlich ist ein 90er-Song aus Deutschland die Nummer 1 in China

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Von Michael PilzRedakteur Feuilleton
Veröffentlicht am 13.12.2021Lesedauer: 2 Minuten
„Aloha Heja He“: Achim Reichel
„Aloha Heja He“: Achim ReichelQuelle: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Vor dreißig Jahren sang Achim Reichel einen Shanty über Reisen nach Singapur und Sansibar. Nun läuft das Seemannslied des Hamburger Rockers plötzlich in China rauf und runter. Wie konnte das passieren?

An der Globalisierung ist nicht alles schlecht: Dem Regionalen ging es niemals besser als in einer immer kleiner werdenden Welt, wo auch das deutsche Brauchtum überall gepflegt wird. Am beflissensten in China: Auf Platz eins der dortigen Shazam-Charts steht „Aloha Heja He“ von Achim Reichel. Mit Shazam, einer verblüffenden Smartphone-App, lässt sich jedes Musikstück in Sekundenschnelle identifizieren. Von Shanghai bis Peking scheint also nichts häufiger zu laufen als ein dreißig Jahre alter deutscher Shanty, und unzählige Chinesen wollen ständig wissen, wie er heißt und wer ihn singt.

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So geht die erste Strophe: „Hab die ganze Welt gesehn/ Von Singapur bis Aberdeen/ Wenn du mich fragst, wo‘s am schönsten war/ Sag ich Sansibar“. Als Achim Reichel jung war, in den Sechzigerjahren, holte er die Welt nach Hamburg. Mit den Rattles ahmte er die Beatles nach, mit A.R. & Machines spielte er progressiven Rockmusik, die ihre britischen Erfinder später merkwürdigerweise Krautrock nannten. Dann sang Reichel „Volxmusik“ und Seemannslieder. Unterwegs auf einem Frachtschiff schrieb er zuletzt „Ich habe das Paradies gesehen“, seine Memoiren, in denen er auch verriet, dass er sich, als Sohn eines Seemanns, in der Ferne und der Fremde immer schon gelangweilt habe. Heute ist er 77 und am liebsten auf der Reeperbahn.

Ja, die Globalisierung: Dass „Aloha Heja He“ ein Hit in China und damit sein erster Welthit werden konnte, muss an TikTok liegen, dem sozialen Medium, das Musikstücke durch kurze Clips in sogenannte Memes verwandelt. TikTok heißt in China Douyin. Kenner der Materie erklären, dass im TikTok-Douyin-Algorithmus keine höhere Macht walte, sondern der reine Zufall. Er macht 110-jährige Sängerinnen aus den Regenwäldern Südamerikas zu Stars wie singende Postboten aus Schottland oder eben einen regionalen Rocksänger aus Norddeutschland. Das Internet scheint so irrational zu sein wie die globale Welt.

Anmerkung: Douyin gehört wie TikTok zum Konzern Bytedance und ist ausschließlich in China verfügbar.

mp

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